Paul Sägmüller, Heimatkundler aus Leidenschaft

Aberglaube und Bräuche faszinieren Besucher im Bocksaal

Wer hat nicht irgendwelche Ticks, Riten, Sitten oder abergläubische Rituale, denen er frönt, wenn etwas Unvorhergesehenes geschieht oder nicht geschehen soll? Paul Sägmüller aus Bergatreute kennt sie alle und berichtete in Leutkirch witzig, humorvoll und in breitestem Schwäbisch über Teufel, Hexen und Aberglaube.

Rund 50 Interessierte hingen während Sägmüllers Vortrag über den Aberglauben in Oberschwaben förmlich an seinen Lippen – mitunter eifrig nickend, dann wieder ungläubig mit dem Kopf schüttelnd. Sägmüller verstand es, mit Anekdoten, Geschichten und Überliefertem die Sitten und Riten, die sich um den Aberglauben drehen, den Menschen im Bocksaal mit Gruselfaktor nahezubringen. So versprach Matthias Hufschmid von der Volkshochschule Leutkirch, dem Veranstalter, Schauergarantie für die nächsten Stunden.

Bis ins vergangene Jahrhundert waren in weiten Teilen der Bevölkerung noch der Glaube an übersinnliche Kräfte und Mächte für das zähe Festhalten an Altbewährtem maßgeblich. Daraus resultierten schlussendlich Sitten und Bräuche, die die Menschen in den wesentlichen Bereichen ihres Lebens begleiteten. Aber auch im Alltag hielt das Brauchtum die Familien oder die Dorfgemeinschaft zusammen. Sägmüller zeigte auf, dass sich viele dieser Bräuche in ihrer überlieferten Form bis in unsere heutige Zeit gehalten haben. So sollen Tränke oder Gemische niemals links herum gerührt werden, da dies Unglück bringe. Gegen den bösen Blick helfe ein Judengebein oder eine Kette versehen mit Knochen, eine Schere im Schlüsselloch entlarve die Hexe und in Hotels und Flugzeugen gebe es bis heute meistens keine dreizehnte Etage, Zimmer- oder Sitzplatznummer.
Sägmüller berichtete lebhaft und anschaulich von seiner Kindheit, wo er in der Hostube seiner Tante immer wieder den Geschichten und Erzählungen lauschte, die die Nachbarinnen dort zum Besten gaben. So wurden damals die Spiegel verhängt und die Fenster geöffnet, wenn ein Mensch gestorben war, damit die Seele hinausfliegen konnte. Zum Begräbnis tragen die Trauernden noch heute schwarze Kleidung, weil die Seele diese Farbe nicht sehen kann. „Ich gehe also in Tarnkleidung zur Beerdigung“, witzelte Sägmüller.

Kuriose, fragwürdige aber auch wahre Geschichten machten an diesem Abend die Runde und Sägmüller überließ es seinen Zuhörern, was diese glauben wollten und was nicht. Auch die schwarze Magie kam nicht zu kurz, dabei warnte der Referent aber eindringlich vor praktischen Experimenten. Anhand der vielen Geschichten, die Paul Sägmüller zu berichten wusste, wurde eines ganz klar: Aberglaube entstand entweder durch Wissen, dass sich nicht belegen oder beweisen ließ, durch eine falsche Auslegung von Ursache und Wirkung oder durch eine Interpretation bestimmter Handlungen. Entscheidend war dabei immer die Illusionsbereitschaft des betroffenen Menschen.
Dennoch verursachte die eine oder andere Geschichte, die Sägmüller mitgebracht hatte, ungläubiges Staunen und Gruselmomente. Dazu trugen auch die Amulette oder anderweitigen „Preziosen“ bei, von denen behauptet wird, sie würden Schadenszauber oder den bösen Blick fernhalten. So betrachteten die Gäste im Bocksaal mit Schaudern oder belustigt zum Beispiel einen Sarg im Miniformat, in dem ein kleines „Etwas“ mit Totenkopf zu sehen war. Eine Katze, die von links nach rechts läuft, gehöre da definitiv zu den harmlosen Varianten. Wohl dem, der an diesem Abend nicht allein nach Hause gehen musste.

Erschienen: Schwäbische Zeitung 17.10.2012, Autor: Marita Gaile

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