Die sanfte Gewalt - Erinnerungen an Inge Aicher-Scholl

Sicheinmischen – mit sanfter Gewalt und klaren Zielen

Lesung erinnert 70 Jahre nach Kriegsende an Inge Aicher-Scholl –Überzeugte Demokratin und Friedensaktivistin

Publizistin, Friedensaktivistin und Pädagogin. Visionärin, Humanistin und kämpferische Demokratin: Es gibt viele Wesensmerkmale, die die Persönlichkeit von Inge Aicher-Scholl umschreiben. Zu den prägnantesten freilich dürfte ihr Verständnis von Freiheit gehören, die sie als eine immer wieder aufzubauende Leistung definierte.
Christine Abele-Aicher hat sich lange und intensiv mit dem Leben und Denken ihrer Schwiegermutter beschäftigt und im Jahr 2012 das Buch „Die sanfte Gewalt – Erinnerungen an Inge Aicher-Scholl“ herausgebracht. Im Gedenken an das Ende des Zweiten Weltkriegs vor 70 Jahren haben Volkshochschule und Geschwister-Scholl-Schule in Leutkirch zu einer Lesung aus diesem Buch eingeladen. Ort und Datum waren also sehr bewusst gewählt. „Wenn nicht in unserer Schule, wo denn sonst?“, begrüßte Gabriele Kallenbach-Blasen, stellvertretende Schulleiterin der Geschwister-Scholl-Schule, die recht übersichtliche Zahl interessierter Zuhörer. Um gleich hinzuzufügen: „Wir verstehen uns als Schule, die die Erinnerung lebt.“ Das belege nicht zuletzt das neue Wandgemälde im Foyer, das Hans und Sophie Scholl großflächig im Schwarz-Weiß-Bild zeigt.
Im Wechsel mit ihrem Mann Julian Aicher, dem vierten der fünf Kinder von Inge Aicher-Scholl und dem Grafiker Otl Aicher, las Christine Abele-Aicher aus ihrem Buch. Sie selbst, Jahrgang 1965, hat ihre 1998 verstorbene Schwiegermutter, die Älteste der Geschwister Scholl, nie kennengelernt. Fasziniert von deren Persönlichkeit suchte sie eine Annäherung über Gespräche mit Zeitgenossen, recherchierte in Archiven und privaten Unterlagen, erfuhr Wesentliches von ihrem Mann. Und stellte schnell fest, welch zentrale Bedeutung Erziehung und Bildung im Denken von Inge Aicher-Scholl hatten. „Den Geist schulen, damit sich eine Geschichte wie das Dritte Reich nie mehr wiederholt“, so beschreibt Abele-Aicher einen zentralen Denkansatz ihrer Schwiegermutter, den sie in die Gegenwart tragen will. Mit ihrem Buch „Die Weiße Rose“, 1952 veröffentlicht, habe Inge Aicher-Scholl die Geschichte der Widerstandsgruppe um ihre Geschwister weltweit bekannt gemacht. „Dass heute überhaupt noch von der Weißen Rose gesprochen wird, ist eindeutig Inges Verdienst“, schreibt Abele-Aicher. „Als der Krieg vorbei war, sagte sie: ,Das darf nicht vergessen werden.’“
 
Ob Aufbau der Hochschule für Gestaltung (HfG) in Ulm oder Einrichtung des KZ-Dokumentationszentrums Oberer Kuhberg in Ulm, ob Ostermärsche, Arbeitskreis Friedenswoche Leutkirch, ob Menschenkette von Stuttgart nach Ulm oder Sitzblockade vor dem Raketenlager in Mutlangen – Inge Aicher-Scholl hat sich eingemischt, mit sanfter Gewalt und klaren Zielen. Vielfach ist sie dafür ausgezeichnet worden, Zeitgenossen erinnern sich voll Bewunderung an die überzeugte Demokratin mit den christlich-humanistischen Wurzeln. Etwa der frühere baden-württembergische Ministerpräsident Erwin Teufel, der im Buch die „Weiße Rose“ nicht nur ein Denkmal für die hingerichteten Geschwister Hans und Sophie Scholl sieht, sondern ein „Denk mal nach“, das auch heute noch aktuell sei.
Inge Aicher-Scholl, davon ist ihre Schwiegertochter überzeugt, verstand sich als „Vollstreckerin des politischen Erbes ihrer Geschwister“. Deren Aufforderung auf einem der Flugblätter „Zerreißt den Mantel der Gleichgültigkeit, den Ihr um Euer Herz gelegt“, beherrschte auch die engagierte Diskussion, die sich der Lesung anschloss. „Qualität statt Quantität“, zog VHS-Mitarbeiter Matthias Hufschmid ein zufriedenes Fazit des Abends.
 
Autorin: Sabine Centner

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