Martin Walser (Foto: C. Philippe Matsas Opale)

Martin Walser liest nach 30 Jahren in Leutkirch

Wenn Intellektuelle lieben, selbst wenn das nur brieflich geschieht, dann ähnelt das Auf und Ab, das Annähern und Missverstehen jeder anderen Liebesbeziehung. Der Schriftsteller Dr. Martin Walser hat die Zuhörer am Mittwochabend bei seiner Lesung zu „Das dreizehnte Kapitel“ in der ausverkauften Festhalle in Leutkirch mit diesen Irrungen und Wirrungen in den Bann gezogen. Die Veranstaltung fand in Kooperation mit der BW-Bank statt.

Normalerweise sei er pessimistisch, wenn ein Oberbürgermeister bei seinen Lesungen begrüße, „dazu habe ich in Ihrem Fall keinen Grund“, lobte Walser Hans-Jörg Henle zum Vergnügen seiner Zuhörer. Der hatte zuvor die Lesung als „Weihnachtsgeschenk für uns alle“ bezeichnet, in Anspielung auf das Bekenntnis einer Dame aus Leutkirch, Walsers Lesung sei ihr Weihnachtsgeschenk 2012.

„Das dreizehnte Kapitel“ ist eine ungewöhnliche, aber dennoch nicht konstruiert wirkende Liebesgeschichte in Briefform. Quer durch las Walser die Briefe der beiden Protagonisten, des Schriftstellers Basil und der Theologin Maja. Die ausgewählten Brieffragmente vermochten die immer wieder von Zurückweichen unterbrochene, aber stetig fortschreitende Annäherung nachvollziehbar zu machen.
Beide, Basil und Maja, verheiratet und das auch noch glücklich, wie sie sich versichern, schreiben sich Briefe, die von Mal zu Mal inniger und intimer werden und nebenbei immer auch intellektueller Diskurs sind. Auffällig ist, dass Maja die Gefühle etwas besser unter Kontrolle zu haben scheint, während Basil schon eher ins Schmachten verfällt. Immerhin hat er ja auch diesen Briefwechsel angefangen und die anfangs eher Spröde dann doch sprachlich umgarnt.

Schuld an dieser Beziehung, die nicht sein soll, ist der Bundespräsident, der den Schriftsteller zum Empfang zu Ehren von Majas Mann eingeladen und auch noch an ihren Tisch gesetzt hat. Walser lässt Basil diese Tischgesellschaft so ironisch und mit scharfem Blick beschreiben, dass die Lust aufs Weiterlesen – in diesem Falle Weiterhören – unausweichlich geweckt wird. Wenn Walser seinen Helden die Vorstellungsrunde als „heraldische Orgie“ bezeichnen oder den Hirnforscher am Tisch mit spitzer Feder beschreiben lässt – und erste Eifersucht aufscheint - besticht sein Humor.

Briefromane geraten leicht in Gefahr, in geschwätzigen Seelenstriptease auszuarten. Nicht so bei Walser, der seinen irgendwann doch sehr verliebten Hauptpersonen bei aller Vergeblichkeit des Sehnens ein gerüttelt Maß an Nüchternheit und Vernunft mitgegeben hat.
Das Buch könnte ein Mittvierziger geschrieben haben, wie eine Zuhörerin feststellte. Das ist durchaus als Kompliment zu verstehen. Wie auch die Vitalität des 85-Jährigen Bewunderung hervorrief, der nach der Lesung geduldig die große Zahl von Autogrammwünschen befriedigte.

Erschienen: Schwäbische Zeitung 29.11.2012, Autor: Barbara Rau

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