Jonas Martin Schmid (Ferdinand) und Lara Beckmann (Luise) in Kabale und Liebe (Foto: Andreas Zauner)

Schiller mit Tempo statt Pathos

Württembergische Landesbühne Esslingen gastierte mit „Kabale und Liebe“ in der Festhalle.
Was heißt eigentlich Kabale? Eine Umfrage unter Jugendlichen wäre spannend gewesen, denn dieses alte Wort für Intrige klingt heutzutage doch schon sehr fremd. Im Gegensatz zur Aufführung von Max Frischs „Homo Faber“ im November waren bei diesem Schiller-Stück allerdings kaum Schüler zu sehen. Schade, denn die Schauspielertruppe der Württembergischen Landesbühne Esslingen spulte den Klassiker in der Festhalle ohne allzu viel Pathos ab, und sie machte dabei deutlich: Schillers Aufbegehren gegen Despotenwillkür, Machtgier und rücksichtslosen Eigennutz ist keine gestrige Klamotte. Der freiheitsliebende Geist, der als Medizinstudent der Karlsschule in Stuttgart unter der Knute des Landesherren Herzog Carl Eugen litt, schoss in seinem Trauerspiel Pfeil um Pfeil gegen das Standesdenken im Allgemeinen und den absolutistischen Herrscher in Württemberg im Besonderen ab, sodass es kaum verwundert, warum die ersten Aufführungen 1784 nur in Frankfurt und Mannheim über die Bühne gehen konnten. In Stuttgart stand das Stück auf dem Index.
Ferdinand von Walter, Sohn des Präsidenten am Fürstenhof, liebt Luise, Tochter des Stadtmusikanten Miller. Eine Mesalliance, wie der Präsident befindet und stattdessen eine Vermählung seines Sohnes mit Lady Milford, der Mätresse des Herzogs, anstrebt. Doch Ferdinand verweigert sich dem Wunsch des Vaters, der danach durch ein Ränkespiel – eingefädelt von seinem eifersüchtigen Sekretär Wurm – seinen Sohn zum Äußersten treibt. Ferdinand greift zum Giftbecher, den er auch seiner Geliebten reicht, ohne dass sie vom tödlichen Inhalt weiß. Damit charakterisiert Schiller auch den jugendlichen Liebhaber als reinen Egoisten. Luise soll ihm gehören, im Leben und im Tod. Dies ist wohl das traurigste Fazit dieses nach wie vor berührenden Schauspiels, das im Grunde keine Option offen lässt, für das Gute in der Welt. So kommen die Herrschenden über brutales Agieren an die Macht und finanzieren ihr nobles Leben durch das Knechten der Landeskinder. Im Stück hat auch der Präsident auf seinem Weg nach oben ein Schlachtfeld hinterlassen. Er will seinem Sohn ein feines Bett in der herzoglichen Verwaltung bereiten, doch Ferdinand lehnt diesen Nepotismus ab, strebt nach der lauteren Liebe mit Luise. Ein mutiger Ansatz. Da sie sich aber aus Sorge um ihre Eltern seinen Fluchtplänen verweigert, wittert er Untreue, und das Unheil nimmt seinen Lauf.
Schillers Sturm-und-Drang-Werk wurde von dem chilenischen Regisseur Alejandro Quintana sehr temporeich aufgemischt. Woraus sich ein Dilemma ergibt: Das kommt zwar dem heutigen Lebensgefühl näher und rückt das Stück weg von verzopfter Klassik. Aber es bleibt kaum Zeit, dem hohen Ton des Dichters nachzuhören, und es schmälert das Verständnis. Die Schauspieler hasten über die in Türkis getauchte Bühne, die wie eine Pyramide angeordnet ist. Auf zwei Treppen rechts und links geht es hinauf zum Präsidenten, der über der dürftigen Stube der Millers thront. So sind schon rein bildlich die Verhältnisse geklärt. Durch die niedrigen Seitentüren und ein größeres Schiebeportal ist ein permanentes Auf und Ab möglich. Stillstand gibt es nicht, Langeweile ist ausgeschlossen. Ein Kompliment an die Bühnenbildnerin Gitti Scherer.

Die Darsteller wiederum kamen in diesen schwierigen Rollen scheinbar mühelos zurecht und zielten treffsicher auf die Emotionen des Publikums. Etwa wenn Matthias Zajgier als schmieriger Sekretär die unschuldige Luise in die Enge treibt, oder wenn Stefan Wancura als arroganter Präsident die Millers ins Elend stürzt. Aber es gab sogar Momente zum Schmunzeln: Nikolaos Eleftheriadis als herausgeputzter Hofmarschall war seine Nummer wert. Als stimmiges Gespann trat auch das Liebespaar mit Jonas Martin Schmid und Lara Beckmann auf. Während er – manchmal doch etwas zu laut – seine Gefühle herausschrie, huschte sie mal reizend, mal verletzlich über die Bühne. Zum furiosen Schluss tobten und rasten Schuldige und Unschuldige über den Leichen – ein starkes Bild. Unterm Strich ein bemerkenswerter Abend, der dem Publikum starken Beifall wert war.

Erschienen: Schwäbische Zeitung 17.12.2012, Autor: Barbara Waldvogel

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