Evelyn Nagel in Yasmina Rezas Gott des Gemetzels (Foto: Peter Empl)

Was sich liebt, das metzelt sich – zumindest im Theater

In Yasmina Rezas „Gott des Gemetzels“ ist der Zuschauer aufgelebt. Ihm blieb fast nichts anderes übrig, angesichts der darstellerischen Intensität des vierköpfigen Ensembles der Badischen Landesbühne Bruchsal, die am Samstagabend (23.02.2013) im Rahmen des Spielplans der Volkshochschule Leutkirch in der Festhalle gastierte. Er litt mit und er lachte mit. Er schlug sich auf die Seite von Véronique (Cornelia Heilmann) und Michel Houillé (Markus Hennes) mitsamt kleinem Sohn Bruno. Oder auf das Gegenüber mit Annette (Evelyn Nagel) und Alain Reille (Wolf E. Rahlfs), deren Sohn Ferdinand Bruno mit dem Stock zwei Vorderzähne ausgeschlagen hat. Nur, dass es bei diesen vergleichsweise einfachen Wahlmöglichkeiten zwischen zwei Parteien nicht blieb, da sich über die Spieldauer von 80 Minuten alle vier untereinander in die Haare kriegten. Wer in Gottes Namen hat nun Recht – alle oder keiner, fragte sich der Zuschauer bei jedem neuen Einwand und Vorwurf, bei jeder fiesen Anschuldigung, Beschimpfung bis hin zum tätlichen Angriff. Die irrwitzige, aus der Verzweiflung heraus geborene Antwort, die Rezas längst zum Klassiker avanciertes Drama parat hält, lautet am Schluss: „Gut möglich, dass dieses Tier gerade einen Festschmaus hält!“ Gemeint ist der Hamster, den Michel, erzürnt über den nächtlichen Lärm des Nagers, auf der Straße ausgesetzt hat in dem festen Glauben, dass er sich dort wohlfühle. Als seine Tochter Camille die Mutter am Telefon nach dem Verbleib von „Knusperienchen“ fragt, lügt sie ihr die Hucke voll. Gut, dass es die Kunst des zivilisierten Umgangs gibt, allen Widrigkeiten eines verunglückten Zusammenlebens zum Trotz.

Bitte alle platznehmen auf der gepflegten Sofalandschaft, die Regisseur Carsten Ramm seinen Protagonisten bereitgestellt hat. Dahinter eine massive Waschbetonwand. Eine Vase mit 50 weißen Rosen, vermutlich als Frieden stiftendes Symbol gedacht, welche Annette später wutentbrannt über den Bühnenboden schleudert. An einem Stapel Kunstbücher, über den sich Annette, angewidert von Alains Chauvinismus, übergibt, entzünden sich haarsträubende Situationskomiken. Véroniques nunmehr unrettbar besudelter „Kokoschka“ wird trocken geföhnt, so als hinge ihre Existenz von dem Bildband ab. Im Gegenzug landet das Handy von Dauertelefonierer Alain in der Blumenvase, begleitet von dessen haltlosen Aufschrei, dass dieses Ding sein ganzes Leben sei. Alle vier bemühen sich, gut zueinander zu sein, und alles läuft schief. Beharrlich reißen sie die eigenen verhärteten Mauern ein, machen ihren tief vergrabenen Gefühlen aus Wut, Verzweiflung und Angst teils brüllend, aber zuvorderst mit bissigem Sarkasmus Luft. Alle vier entpuppen sich als eigennützige Egoisten und halten dem Publikum einen nur leicht verzerrten Spiegel mit hohem Wiedererkennungswert gängiger
Verhaltensmuster vor. Als Zuschauer fühlte man sich mittendrin in den subtilen Zerfleischungsakten zwischen den Fronten. Was da hilft, ist befreites Lachen. Bestenfalls, bis die Tränen kommen, wenn das Handy baden geht und beide Ehefrauen, sich auf den Polstern rollend, kein Halten mehr finden.

Erschienen: Schwäbische Zeitung 25.02.2013, Autor: Babette Caesar

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